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«Ich träume vom Sprengen»

Zwei Sprengmeister, zwei Generationen

Interview von Sebastian Gasser

Der Urner Heinz Indergand (69) und der Obwaldner Marco Rohrer (43) sind Sprengmeister – aus Leidenschaft, verbunden aber mit grossem Verantwortungsbewusstsein und hoher Fachkompetenz. Heinz Indergand ist heute pensioniert, Marco Rohrer leitet die Abteilung Sprengbetriebe. Obwohl die beiden beruflich viel verbindet, gibt es zwischen den Generationen Unterschiede. Ein Gespräch über verrückte Geschichten und Fortschritt.

Zwei Sprengmeister, zwei Generationen
Heinz Indergand (l.) und Marco Rohrer

Sebastian Gasser: Heinz, du hast bei uns am 1. April 1987 begonnen. Wie kam es dazu?

Heinz Indergand: Kari, Thomas und Zihl Sepp [Anm. d. Red.: Karl Gasser jun., damaliger Firmeninhaber, mit Sohn Thomas Gasser, dazu Josef Gasser «Zihler » als rechte Hand] waren in Gampel-Steg, um ein Bohrgerät für den Kauf zu besichtigen. Dort haben wir uns getroffen, wir kannten uns nicht. Sie meinten, Lungern sei für mich näher als mein damaliger Arbeitsort Wimmis. Ich gab ihnen recht, versprach, mich zu melden, was ich dann aber nie tat. Als ich dann einmal an einem Freitagnachmittag mit dem Auto auf dem Weg nach Brunnen war, fuhr mir einer ab Lungern nach. Er hing mir am Arsch. Als ich dann in Sarnen auf die Autostrasse kam, überholte er mich wie eine Rakete und hat mich gleich auf den Pannenstreifen herausgewinkt! Ich dachte mir, was will denn der? Da ist Kari ausgestiegen und hat gefragt: «Wann kommst du jetzt?» (lacht) Am darauffolgenden Donnerstag war ich von ihm in Brienz zum Abendessen eingeladen.

Wie war es für dich als Urner, hier zu arbeiten?

Heinz: Auf der Sandfurre verteilte Zihler jeden Morgen die Arbeit, alle waren versammelt. Am Morgen arbeitete ich noch für Gasser, dann am Abend sollte ich plötzlich für Lemäkari [Anm. d. Red.: Rufname von Karl Gasser] arbeiten. Ich verstand nichts mehr. Jeder hatte zwei Namen, wenn nicht drei. Der Ohrenringler Hans, der Schwand Sepp, der Allmendler – oder Bellä Hans, als Mineur war er der Star: gross, stark und barfuss. Beim Bohren spüre man die Erschütterung so am besten. (lacht) Bis ich alle kennengelernt hatte, war es schwierig. Piusä Franz sprach morgens nie mit mir, lief einfach vorbei. Da fragte ich Radli Glois mal, ob Franz was gegen mich habe. «Weisst du, der ist um halb sieben gedanklich schon am Betonieren», war seine Antwort. Radli half mir oft im Umgang mit den Lungerer Gepflogenheiten, später zog ich selbst nach Lungern. Es wurde meine zweite Heimat.

Zwei Sprengmeister, zwei Generationen
«Zihler» am Vermessen

Marco, hattest du auch einen turbulenten Start?

Marco Rohrer: Vielleicht nicht ganz so wie Heinz. Ich kam 2001 zur Firma Gasser, ausschlaggebend war Thomas Gasser. Er suchte Leute für Seilarbeiten. An einem Grümpelturnier hat er mich angesprochen.

Und dann habt ihr Karriere gemacht.

Marco: Fast zehn Jahre war ich in der Felssicherung. Ich machte eine Zusatzlehre, die Polierschule. Schon bald kam der Wunsch auf, die Sprengprüfung zu absolvieren. Schliesslich wechselte ich zur Abteilung Sprengbetriebe.

Heinz: Ich lernte Zeichner, dann Strassenbauer, worauf ich als Belagspolier im Tiefbau tätig war. Das war mir etwas zu langweilig. Bei Schwarz lernte ich das Sprenghandwerk, es war zwar streng, aber lehrreich. Zuerst musste ich Splitt tragen, dann Handbohren, bis mir fast die Hände und Arme abfielen. Als ich davon nicht mehr müde wurde, erhielt ich einen luftbetriebenen Bohrwagen. Diejenigen, die beim Handbohren aufgaben, wurden gar nicht erst zur Sprengprüfung angemeldet. Als ich zu Gasser kam, hatte ich schon fünf Jahre Sprengerfahrung, wusste aber noch längstens nicht alles.

Ab 1980 kamen gesetzliche Reglementierungen ins Sprengwesen. Das fiel in deine Anfänge.

Heinz: Damals kamen die Prüfungen und Ausweise. Wer einen C-Ausweis hatte, galt fast als Übermensch. Das verstand ich nicht ganz, denn mit meiner Berufserfahrung und dem Hintergrund als Zeichner schaffte ich die Prüfungen locker. Ich dachte mir, wenn das aufkommt und wenige es beherrschen, ist das ein Job, in dem man Geld verdienen kann.

Nutzte man damals bereits Bohr-, Lade- und Zündschemas zur Planung?

Heinz: Nein, bei Gasser weniger. Wenn, dann kamen diese vom Sprengmeister Edi Grisiger. Als ich anfing, sprengte die Firma Gasser zum Beispiel kleinere Tunnels.

Mein Vater hat mir gesagt, früher hätte man Sprengmittel beim Eisenwarenhändler beziehen können.

Heinz: Ja, ganz früher war das in Giswil neben der Krone, dort wurde Sprengstoff verkauft. 1985 hatten wir unser Sprengstofflager aber bereits im Werkhof Hag. Eine Tonne Vorrat hat da noch lange gereicht.

Marco, wie vergleichst du das mit den heutigen Gegebenheiten?

Marco: Die Lagerungs- und Transportvorschriften sind ganz klar strenger, da ist alles reglementiert. Die Sprengtechnik ist in ihren Grundsätzen ähnlich. Zwar sind die Zündschemas und die Zünder präziser, gesprengt wird aber gleich. Was sich jedoch stark gewandelt hat, ist der Sicherheitsgedanke. Früher wurde oft nur auf Basis von Erfahrungswerten gesprengt, vermessen wurde mit dem Messband. Die moderne Vermessungstechnik mit hochpräzisen Drohnenaufnahmen ist ein Meilenstein, da sind wir viel weiter. Eine Problematik begleitet uns aber immer noch: Das Einhalten von Erschütterungsrichtwerten.

Heinz: Das war schon früher ein Thema. Erschütterungen wurden gemessen, einfach noch nicht digital. Und viele Sprengmittel sind mit heute vergleichbar.

Marco: Früher wurden Sprengstoffe noch in Mannschaftsbusse geladen und so zur Baustelle gefahren. Das gibt es heute nicht mehr.

Heinz: Im Jahr 1983 hatte ich meinen ersten Kurs für Gefahrengüter. Da ich am Morgen noch eine Sprengung hatte, kam ich zu spät. Der Kursleiter meinte, bei ihm komme man nicht zu spät, und warf mich raus. Als ich entgegnete, dass ich in diesem Fall mit meiner halben Tonne Sprengstoff wieder nach Hause fahren werde, durfte ich dann doch rein (lacht).

Zwei Sprengmeister, zwei Generationen
Heinz Indergand (l.) und Pascal Reber am Chapf, 2001

Wie verliefen eure ersten Baustellen bei uns?

Heinz: Es gab schon Sprengmeister bei Gasser, die haben mich getestet. Eine erste grössere Baustelle war die Brünigstrasse gegen Hasliberg, wo es Keileinbrüche für Palisadenfundamente herauszuschiessen galt. Dort sprengte ich zusammen mit Bellä Hans, danach hatten wir Frieden. (schmunzelt) Zihler war oft mein Bauführer, er war äusserst intelligent und brauchte keine Ordner. Er hatte alles im Kopf, die Übersicht über alle 50 Mitarbeiter. Wir waren aber oft anderer Meinung, ich arbeitete lieber unter Thomas und Kari.

Marco: Als ich anfing, zählte die Firma rund 100 Mitarbeiter. Es gab viele Auswärtsbaustellen, mit ausgelassenem Feierabend. Vielfach sind wir nur am Wochenende nach Hause gegangen. Wir hatten aber eine sehr interessante Zeit, lernten viele Orte und Menschen in der ganzen Schweiz kennen.

Zwei Sprengmeister, zwei Generationen
«Bellä Hans» an der Säulenbohrmaschine (vorne)

Ist Sprengen eine Leidenschaft?

Marco: Ja, diese zeichnet einen guten Sprengmeister aus. Nur wer Fels mag, ist ein Sprenger. Es ist so viel mit Erfahrung und gegenseitigem Austausch verbunden, wir philosophieren gerne am Abend über die Sprengtechnik. Wir sind Tüftler.

Heinz: Es ist eine Herausforderung, wie andere Berge erklimmen. Ich will jede meiner Sprengungen sehen. Wer seinen Sprengungen nicht zusieht, den kann man direkt nach Hause schicken! Die Wahrnehmung einer Sprengung kann wie in Zeitlupe verlaufen. Ich habe immer gefilmt und fotografiert. Man schaut sich die Aufnahmen an und sieht die Fehler.

Marco: Wir filmen generell viel, gerade in Steinbrüchen bei der Rohstoffgewinnung. Die Sprengungen werden in Zeitlupe analysiert, um zu optimieren. Heinz: Ich träume fast jede Nacht vom Sprengen, es macht süchtig. Lohn und Arbeitszeiten interessierten mich nicht mehr, im Appenzell wäre ich auch gratis sprengen gegangen. (lacht)

Ein Zeitungsartikel über dich, Heinz, soll sich 1989 zu einem kleinen Skandal entwickelt haben.

Heinz: Das war in der Sonntagsbeilage des Tagesanzeigers. Titel: Die wahren Weltveränderer. Bellä Hans, Wüthrich Fredel und ich wurden von einem Journalisten ein bis zwei Tage begleitet. Wir alle sagten unüberlegte Dinge. Ich sprach davon, dass das Gefühl nach dem Sprengen wie ein Orgasmus sei. Kari rief mich noch am Sonntag an und wies mich zurecht, der Pfarrer hätte ihn schon angerufen. (lacht) Wir hatten den Bericht nicht zum Gegenlesen erhalten.

Zwei Sprengmeister, zwei Generationen
Fredel Wüthrich posiert für das Foto

Marco, was hast du gedacht, also du Heinz zum ersten Mal getroffen hast?

Marco: Das war bei der Sicherheitssprengung in Wolhusen, ich hatte noch kaum Erfahrung. Man hat sich gefragt, was das für ein Rocker ist, mit seinen Jeans und langen Haaren. Heinz war unser Sprengstar, mit Fragen ging man zu ihm.

Was war eure grösste Sprengung?

Heinz: Das war im Steinbruch Rotzloch, ich war ganz allein. Am Anfang wollte die Firmenleitung jede Sprengung besichtigen. 30’000 Kubikmeter Sprengfels, 7 Tonnen Sprengstoff.

Marco: Die grössten beiden Sprengungen der Firma waren am Chapf 2001 und 2002, da war ich nur am Rande bei den Vorbereitungen beteiligt. Heute sind in den Steinbrüchen kleinere Sprengungen üblich. Dennoch gibt es immer wieder grössere Sicherheitssprengungen.

Ist auch mal etwas schiefgegangen?

Heinz: Wer 35 Jahre ohne Fehler arbeitet, war nie auf einer Baustelle. Manchmal benötigt man auch etwas Glück. Wenn etwas schiefgegangen ist, sind oft verschiedene Faktoren zusammengekommen, man hat sich zu etwas überreden lassen. Das brauchte ein gewisses Durchsetzungsvermögen. Ich habe auch schon eine Sprengung abgebrochen, weil ich ahnte, dass mit der Vermessung etwas nicht stimmt.

Marco: Zeitdruck vom Kunden ist ein Risikofaktor. Da muss man standhaft bleiben und klar sagen, wenn man etwas nicht macht. Die Prozesse konnten wir in den letzten Jahren massiv verbessern. Etwas vom Schönsten ist, wenn schlussendlich der Kunde kommt, einen Händedruck gibt und sich für die geleistete Arbeit bedankt. Und dabei alle Mitarbeiter gesund zu Hause sind.

Heinz ist für mich die Bibliothek zur Sprengtechnik bei der Firma Gasser.

Marco Rohrer

Marco, du hast lange mit Heinz zusammengearbeitet. Was hast du von ihm gelernt und was nimmst du mit?

Marco: Oh, sehr viel! Mit Heinz habe ich heute noch viel Kontakt, gerade wenn ich eine Zweitmeinung möchte – oder auch nur für einen «Schwatz». Heinz ist für mich die Bibliothek zur Sprengtechnik bei der Firma Gasser. Er hatte seine Agenda, darin waren alle Steinbrüche mit den Ladeschemas, er konnte dir genau sagen, was du machen musst. Wenn du Interesse gezeigt hast, gab er so viel Wissen preis.

Zwei Sprengmeister, zwei Generationen
Marco Rohrer auf der Baustelle Boca Neira, 2020

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