Interview mit Hanspeter Bonetti
Über zwei Jahrzehnte hat Hanspeter Bonetti die Entwicklung der Gasser Felstechnik entscheidend mitgeprägt. Im Gespräch blickt er zurück auf prägende Projekte, unternehmerische Entscheidungen und die Menschen, die das Unternehmen stark machen. Zugleich wagt er einen Blick in die Zukunft der Branche.
Hanspeter, du stammst aus einer Unternehmerfamilie aus Andermatt. Wenn du zurückblickst, was ist dir in Erinnerung geblieben aus dieser Zeit?
Da gäbe es Bücher zu füllen. Mein Vater gründete in den 1950er-Jahren zusammen mit seinen beiden jüngeren Brüdern die Gebrüder Bonetti AG. Ein grosses Projekt war der Bau der Seilbahnanlagen auf den Gems stock. Mein Vater leitete den Bau, meine Mutter kochte in der Mittelstation für die Arbeiter und ich war als kleiner Junge im Alter von vier Jahren mittendrin in einer sehr he rausfordernden Bau- und Bergwelt. Ich erlebte meinen Vater als einen Menschen, der immer arbeitete. Wenn er nicht für den Bau tätig war, führte er als passionierter Bergführer seine Gäste sicher von Ort zu Ort.

Was hat dich damals bewogen, zur Gasser Felstechnik zu kommen?
Ende der 1990er-Jahre hatte ich den Punkt erreicht, an dem ich etwas verändern wollte. Ein Prozess, der im September 2001 eine unerwartete Wendung nahm. Thomas fragte mich, ob ich mir vorstellen könne, sein Stellvertreter in seinem Betrieb zu werden. Nach ein oder zwei Tagen, an denen ich mit Thomas den Betrieb und die Baustellen besichtigte, sah ich meine Chancen für eine Veränderung in all den Spezialgebieten, die mir vertraut waren, und sagte zu.
Welche Erinnerungen hast du an dein erstes Projekt?
Ab März 2002 war mein Arbeitsort in der Walchi. Mein erstes grosses Projekt im Jahr 2003 führte mich mit der Sicherheitssprengung an der Bristenstrasse zurück in den Kanton Uri.
Wenn du zurückblickst: Was hat sich am stärksten verändert – im Unternehmen und in der Baubranche?
Im Unternehmen ist es eindeutig die Grösse. Als ich 2002 anfing, waren wir rund 100 Mitarbeitende, heute sind es über 300. Auch das Areal hat sich stark vergrössert. Die Erweiterung in den Felsen wurde laufend vorangetrieben, und der Maschinen park konnte kontinuierlich erweitert und modernisiert werden.

Welche Projekte sind dir besonders in Erinnerung geblieben und warum?
- Die Sicherheitssprengung an der A2 in Gurtnellen im Jahr 2005, die unter enormem Zeitdruck durchgeführt werden musste, da die Nord-Süd-Achse geschlossen war, und die einen enormen medialen Druck auslöste.
- Die Unwetterbaustelle 2005 in Engelberg mit der Noterschliessung und der Wiederinstandstellung des Lehnenviadukts.
- Die Untertagebaustelle KWO mit über 12 km Stollen, dem 380 m hohen Alimac-Schacht und der Kavernenzentrale in der Handeck, die in einem sehr engen Zeitfenster realisiert wurde.
- Felssturz SBB in Gurtnellen mit Unterbrechung der Nord-Süd-Verbindung, bei dem leider auch Menschenleben zu beklagen waren.
- Sicherheitssprengung Axenrüti oberhalb Axenstrasse
- Neubau des Werkhofes in Lungern mit all den komplexen Herausforderungen.
- SBB Flamatt mit einem sehr grossen, komplexen Felsabtrag.
Was unterscheidet uns deiner Meinung nach im Markt besonders von unseren Mitbewerbern?
Das Familienunternehmen mit den Abteilungen Felssicherung, Untertagebau, Sprengbetriebe, Spezialtiefbau und Bauservice mit einem starken Betriebscenter.
Was würdest du heute anders machen? Oder was würdest du ändern, wenn du die Möglichkeit hättest?
Ich würde noch mehr Zeit in die Mitarbeitenden investieren, die das Rückgrat der Unternehmung sind, und mit denen die Innovation vorangetrieben werden kann
«Die Mitarbeitenden sind Teil der Familie Gasser und sind stolz, dazuzugehören. Das treibt sie an, ihr Bestes zu geben.»
HANSPETER BONETTI, Verwaltungsrat
Du hast mit zwei Generationen der Gasser Familie eng zusammengearbeitet und die Nachfolge eng begleitet. Wie war das für dich?
Ich hatte auch das grosse Vergnügen, Kari und seine Frau Elsbeth kennenzulernen. Ich war beeindruckt von Kari, weil er uns mit seinen nicht immer einfachen Fragen anspornte, unsere Entscheidungen zu festigen, auch wenn die Rechnung nicht immer aufging.
Thomas und ich sind aus ähnlichem Holz geschnitzt und haben uns stets gut ergänzt. Er war als Eigentümer mehr der Initiator/Pionier und ich war der Umsetzer. Manchmal habe ich als Bremse fungiert, wenn ich der Meinung war, dass wir mehr Abklärungen brauchten oder das Risiko neu einschätzen sollten. Das haben wir dann gemeinsam beschlossen und durchgezogen. Ich bin Thomas dank bar für das grosse Vertrauen und die gegenseitige Wertschätzung. Die Zusammenarbeit und Begleitung bei der Geschäftsübergabe an die dritte Generation durchlief viele Facetten und war für beide Seiten herausfordernd. Natürlich bin ich von meinen Massstäben überzeugt und wollte sie weitergeben, doch fragte ich mich immer wieder, ob sie denn heute noch zeitgemäss sind. Ich komme aus einer Zeit, in der das Geschäft einen sehr hohen Stellenwert hatte. Das Familienleben war leider untergeordnet. Heute wird zu Recht auch dem Familienleben ein wichtiger Stellenwert beigemessen. Der Spagat bleibt und wird mitunter grösser. Ich bin jedoch überzeugt, dass Mira, Sebastian und Ambros sportlich genug sind, diesen Spagat zu schaffen.

Wie hat sich unsere Unternehmenskultur in dieser Zeit verändert?
Mit der Unternehmensgrösse hat sich auch die Unternehmenskultur dahingehend angepasst, dass die Abteilungen ihre Aufgaben auf Basis der Kernkompetenzen selbstständig lösen. Grossprojekte und Risikoabwägungen werden gemeinsam entschieden und umgesetzt.
Gibt es eine Begegnung oder Situation, die für dich sinnbildlich für unsere Firma steht?
Die schnelle Reaktionsfähigkeit, im Falle eines Naturereignisses zeitnah Lösungen zu finden und diese mit unseren Spezialisten umzusetzen.
Was hat dich persönlich über all die Jahre motiviert?
Es treibt mich an, optimale Lösungen zu finden und sie gemeinsam mit dem Team umzusetzen. Das konnte und wollte ich immer wieder aufs Neue tun und vorleben. Dabei stand für mich die Qualität stets vor der Quantität. Kein Tag war wie der andere. Oft änderten sich der Arbeitsort und die Ansprechpartner, das Terrain sowieso.
«Gasser war eine meiner besten Entscheidungen.»
Hanspeter Bonetti, Verwaltungsrat
Was hast du aus deiner Tätigkeit bei Gasser Felstechnik für dein eigenes Leben mitgenommen?
Vorleben, nicht nur fordern, und die Mitarbeitenden einbinden.
Welche drei Begriffe beschreiben deine Zeit bei uns am besten?
Herausforderungen, gemeinsame Ziele und Erfolge, Dankbarkeit.

Welche Entwicklung siehst du in den kommenden Jahren für unsere Branche?
Für ein Unternehmen wie Gasser Felstechnik sehe ich in den kommenden Jahren sehr gute Perspektiven, gleichzeitig aber auch klare strukturelle Veränderungen in der Baubranche. Die Nachfrage verschiebt sich zunehmend in Richtung Infrastruktur, Sicherheit und Bestandserhalt. Investitionen in Bahn-, Strassen- und Energieinfrastruktur sowie der Schutz vor Naturgefahren gewinnen durch Klimawandel, Mobilitätsbedarf und gesellschaftliche Sicherheitsanforderungen stark an Bedeutung. Genau in diesen Bereichen liegt die Kernkompetenz der Gasser Felstechnik. Gleichzeitig wird die Branche techno logischer. Digitale Planung, präzisere geotechnische Analysen, automatisierte Bauprozesse und datenbasierte Entscheidungen werden künftig entscheidend sein, um Projekte sicherer, schneller und wirtschaftlicher umzusetzen. Spezialunternehmen, welche alles aus einer Hand anbieten können, haben hier einen klaren Wettbewerbsvorteil.
Spezialisiertes Know-how, Erfahrung im anspruchsvollen Gelände und technologische Weiterentwicklung machen Unternehmen wie die Gasser Felstechnik zu wichtigen Partnern bei den grossen Infrastruktur- und Sicherheitsprojekten der kommenden Jahrzehnte
Was sind Herausforderungen?
Motivierte Mitarbeitende zu finden und zu halten. Wachstum wird künftig weniger über mehr Personal erfolgen, sondern über höhere Produktivität, Spezialisierung und innovative Methoden im Fels- und Untertagebau. Für die Gasser Felstechnik heisst das, dass die Zukunft nicht nur im klassischen Ausführen von Bauarbeiten liegt, sondern verstärkt in der frühen Projektintegrati on, in Ingenieurkompetenz, Beratung und Systemlösungen rund um Felsen, Untergrund und Sicherheit.

Welchen Rat gibst du der nächsten Generation von Führungskräften mit?
Seid Vorbild.
Worauf freust du dich in deinem neuen Lebensabschnitt besonders?
Arbeit ist mein Leben. So freue ich mich auf die Überbauung Gurschä in Andermatt, bei welcher die Gasser Felstechnik AG hoffentlich ab Frühjahr 2026 auch Bauarbeiten ausführen kann. Es ist ein Bauprojekt, das ich im Rahmen der Bonetti AG Andermatt realisiere. Damit schliesst sich ein Kreis. Ich freue mich natürlich auch darauf, mit Susanne, der Familie und mit Freunden mehr Zeit zu geniessen.
Gibt es etwas, das du uns noch mit auf den Weg geben möchtest?
Zuerst gilt mein grosser Dank Thomas und Lisa, die mir damals die Chance gegeben haben, die Gasser Felstechnik mitzugestalten. Ich danke für über 24 herausfordernde, erfolgreiche, lehrreiche, spannende Jahre mit unzähligen Begegnungen mit der Familie Gasser, meinen Arbeitskolleginnen und -kollegen sowie Kundinnen und Kunden. Und natürlich geht mein Dank auch an meine Familie für die Unterstützung und das entgegengebrachte Verständnis über all die Jahre.
Ich wünsche Mira, Sebastian und Ambros viel Engagement, Energie, Mut und Zuversicht, die Firma verantwortungsvoll in eine erfolgreiche Zukunft zu führen. Händ Sorg!